Der Tag, an dem mein spirituelles Fundament zerbrach

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Der Tag, an dem mein spirituelles Fundament zerbrach

Wenn ich heute auf meinen spirituellen Weg zurückblicke, gab es nicht nur Zeiten des Aufbaus. Es gab nicht nur neue Erkenntnisse, neue Erfahrungen und neue Einsichten. Irgendwann kam auch ein Abschnitt, der sich völlig anders anfühlte. Ein Abschnitt, in dem nicht mehr etwas hinzukam, sondern etwas verschwand.

Lange Zeit hatte ich geglaubt, dass spirituelle Entwicklung vor allem bedeutet, mehr zu verstehen. Wer sich auf den Weg macht, sammelt Erfahrungen, liest Bücher, besucht Seminare, begegnet Lehrern und entwickelt nach und nach ein Bild davon, wie das Leben, die Seele und die geistige Welt zusammenhängen. Über viele Jahre hinweg entstand auf diese Weise ein inneres Fundament, auf dem ich stehen konnte.

Dieses Fundament bestand nicht aus einer einzigen Lehre. Es setzte sich aus vielen Bausteinen zusammen. Eigene Erfahrungen gehörten ebenso dazu wie spirituelle Traditionen, Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen und Erkenntnisse, die mich über lange Zeit begleitet hatten. Vieles davon erschien mir selbstverständlich. Manche Dinge hinterfragte ich kaum noch, weil sie längst Teil meines Weltbildes geworden waren.

Genau deshalb bemerkte ich zunächst gar nicht, dass sich etwas veränderte.

Es geschah nicht an einem einzigen Tag. Niemand trat an mich heran und erklärte mir, dass alles anders sei, als ich bisher angenommen hatte. Vielmehr begann sich über einen längeren Zeitraum ein Gefühl auszubreiten, das ich zunächst kaum einordnen konnte. Immer häufiger tauchten Fragen auf, auf die die bisherigen Antworten nicht mehr wirklich passten. Gedanken, die mich früher überzeugt hatten, wirkten plötzlich unvollständig. Überzeugungen, die viele Jahre getragen hatten, verloren ihre Selbstverständlichkeit.

Anfangs versuchte ich, diese Irritationen mit neuem Wissen zu füllen. Das war schließlich die Strategie, die mich lange begleitet hatte. Wenn etwas unklar war, suchte ich nach weiteren Informationen. Wenn eine Frage auftauchte, wollte ich eine Antwort finden. Doch diesmal funktionierte das nicht.

Je mehr ich suchte, desto deutlicher wurde, dass es nicht um fehlendes Wissen ging.

Es ging um etwas anderes.

Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass sich ein Teil meines bisherigen spirituellen Gebäudes auflöste. Nicht, weil es falsch gewesen wäre. Viele Erfahrungen waren real. Viele Erkenntnisse waren wertvoll. Doch sie waren nicht mehr groß genug für das, was sich inzwischen zeigen wollte.

Das war ein unangenehmer Prozess.

Menschen sprechen gerne über spirituelles Erwachen, über Erkenntnisse und über Bewusstseinserweiterung. Viel seltener sprechen sie über die Unsicherheit, die entstehen kann, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden. Dabei gehört auch das zu diesem Weg. Es gibt Phasen, in denen man nicht mehr auf den alten Antworten stehen kann und die neuen noch nicht sichtbar geworden sind.

Genau dort befand ich mich.

Rückblickend erkenne ich, dass ich in dieser Zeit etwas sehr Wichtiges gelernt habe. Das Leben verlangt nicht immer, dass wir neue Wahrheiten finden. Manchmal fordert es uns auf, die alten loszulassen.

Dieser Unterschied klingt klein, fühlt sich jedoch völlig anders an.

Neue Erkenntnisse geben Sicherheit. Das Loslassen alter Gewissheiten nimmt sie zunächst weg. Genau deshalb wird dieser Schritt oft als Krise erlebt, obwohl er in Wahrheit ein Übergang ist.

Heute sehe ich diesen Abschnitt meines Weges mit anderen Augen. Damals empfand ich ihn als Verunsicherung. Heute erkenne ich darin einen notwendigen Teil meiner Entwicklung. Das Fundament, das zerbrach, war nicht mein wahres Fundament. Es war das Bild, das ich mir von vielen Dingen gemacht hatte.

Was darunter lag, war größer.

Es war stiller.

Und es brauchte keine ständigen Erklärungen.

Vielleicht besteht spiritische Reife nicht darin, immer mehr Antworten zu besitzen. Vielleicht besteht sie darin, auch dann weiterzugehen, wenn die Antworten vorübergehend verschwinden.

Genau das begann ich in jener Zeit zu lernen.

Und obwohl ich diesen Abschnitt damals niemals freiwillig gewählt hätte, möchte ich ihn heute nicht mehr missen. Denn erst als das alte Fundament Risse bekam, konnte etwas sichtbar werden, das tiefer reichte als alles, worauf ich zuvor gebaut hatte.

herzliche Grüße

Atlan Anaris Koteij
Thomas Nathaniel